Ob für das Schullabor, die Qualitätskontrolle im Betrieb oder ein Forschungsprojekt: Wer Chemikalien kaufen oder online bestellen möchte, bewegt sich in einem der am stärksten regulierten Märkte überhaupt. Dieser Leitfaden erklärt, welche Regeln in Deutschland gelten, warum manche Stoffe für Privatpersonen gar nicht erhältlich sind und woran Sie einen seriösen Lieferanten erkennen.
Wer verkauft Chemikalien?
- Laborfachhändler mit großen Katalogen beliefern Hochschulen, Kliniken und Industrielabore, meist nur auf Firmen- oder Institutskonto.
- Spezialanbieter liefern Referenzstandards, Synthesebausteine oder hochreine Lösungsmittel.
- Chemiehandel und Großhandel beliefert Gewerbe und Industrie mit Fässern, IBCs und Tankwagen.
- Lehrmittel- und Fachhändler verkaufen Grundchemikalien für Schulen und teilweise an Privatkunden, beschränkt auf weniger gefährliche Stoffe.
Einen Überblick über Auswahlkriterien gibt unser englischsprachiger Leitfaden Chemical Suppliers.
Die rechtlichen Grundlagen
REACH und CLP
Chemikalien, die in der EU in Verkehr gebracht werden, müssen nach der REACH-Verordnung registriert und nach der CLP-Verordnung eingestuft und gekennzeichnet sein. Für gefährliche Stoffe muss der Lieferant ein aktuelles Sicherheitsdatenblatt bereitstellen. Anhang XVII der REACH-Verordnung enthält zudem Beschränkungen: So darf zum Beispiel Benzol in Stoffen und Gemischen ab einer sehr niedrigen Konzentration nicht an die breite Öffentlichkeit abgegeben werden.
Chemikalien-Verbotsverordnung (ChemVerbotsV)
In Deutschland regelt die Chemikalien-Verbotsverordnung, wer bestimmte gefährliche Stoffe abgeben und erwerben darf. Die wichtigsten Punkte:
- Absolutes Abgabeverbot an die Öffentlichkeit für krebserzeugende, erbgutverändernde und fortpflanzungsgefährdende Stoffe (Gefahrenhinweise H340, H350, H360). Benzol ist ein typisches Beispiel.
- Sachkunde und Erlaubnis: Wer bestimmte gefährliche Stoffe abgibt, braucht eine Erlaubnis oder muss die Abgabe anzeigen und eine sachkundige Person benennen.
- Selbstbedienungsverbot: Diese Stoffe dürfen nicht frei im Regal stehen.
- Identitätsprüfung und Mindestalter: Abgabe nur an Personen ab 18 Jahren, nach Prüfung der Identität und des Verwendungszwecks.
- Abgabebuch: Art und Menge, Datum, Verwendungszweck sowie Name und Anschrift des Erwerbers werden dokumentiert und mindestens fünf Jahre aufbewahrt.
Für Wiederverkäufer, berufliche Verwender sowie öffentliche Forschungs- und Lehreinrichtungen gelten erleichterte Regeln. Deshalb fragen Laborhändler bei Kontoeröffnung nach Gewerbenachweis oder Institutszugehörigkeit.
Ausgangsstoffe für Explosivstoffe
Die EU-Verordnung 2019/1148 beschränkt bestimmte Stoffe, die zur Herstellung von Explosivstoffen missbraucht werden können, oberhalb festgelegter Konzentrationen. Privatpersonen können solche Stoffe in Deutschland in der Regel nicht erwerben, und Händler müssen verdächtige Transaktionen melden.
Betäubungsmittel und neue psychoaktive Stoffe
Angebote für sogenannte ‘Forschungschemikalien’ zum Konsum sind keine Laborchemikalien. Viele dieser Stoffe fallen unter das Betäubungsmittelgesetz oder das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz, unabhängig davon, ob sie als ‘nicht zum Verzehr’ deklariert sind.
Typische Fragen aus der Praxis
Benzol kaufen?
Benzol ist krebserzeugend und für die breite Öffentlichkeit nicht erhältlich. Labore beziehen es über den Fachhandel mit Konto und Gefährdungsbeurteilung. Für viele Anwendungen gibt es weniger gefährliche Ersatzstoffe, etwa Toluol oder andere Lösungsmittel, was die Gefahrstoffverordnung ohnehin verlangt zu prüfen.
Natriumthiocyanat kaufen?
Natriumthiocyanat ist eine gängige Laborchemikalie, unter anderem für analytische Nachweise. Es ist gesundheitsschädlich und setzt bei Kontakt mit Säuren giftiges Gas frei. Laborfachhändler liefern es in verschiedenen Reinheiten mit Sicherheitsdatenblatt, in der Regel an gewerbliche Kunden und Bildungseinrichtungen.
So erkennen Sie einen seriösen Lieferanten
- Vollständiges Impressum mit Firmensitz, Handelsregister und Ansprechpartner.
- Aktuelles Sicherheitsdatenblatt auf Deutsch für jedes gefährliche Produkt.
- Analysenzertifikat (CoA) mit Chargennummer und Messwerten.
- Klare Angaben zur Reinheit und Qualität, etwa p.a., HPLC oder Ph. Eur. Mehr dazu in unserem Beitrag über Reagenzqualitäten.
- Kundenprüfung bei eingeschränkten Stoffen. Ein Shop, der keine Fragen stellt, ist ein Warnsignal.
- Gefahrgutgerechter Versand nach ADR.
Vor der Bestellung: Gefährdungsbeurteilung
Bevor eine Chemikalie im Betrieb oder in der Schule verwendet wird, verlangt die Gefahrstoffverordnung eine Gefährdungsbeurteilung, ein Gefahrstoffverzeichnis und geeignete Lagerung. Planen Sie Schutzausrüstung, Lagerschränke und die Entsorgung über einen zugelassenen Entsorger mit ein.
Häufige Fragen
Kann ich als Privatperson Chemikalien online bestellen?
Ja, viele ungefährliche und weniger gefährliche Stoffe. Für eingeschränkte Stoffe gelten Ausweis-, Alters- und Dokumentationspflichten, und einige Stoffe sind für Privatpersonen gar nicht erhältlich.
Warum verkauft mir ein Laborhändler nichts ohne Firmenkonto?
Viele Laborhändler beliefern ausschließlich Gewerbe und Institutionen, weil dort die erleichterten Abgaberegeln gelten und Fachkunde vorausgesetzt werden kann.
Was ist ein Sicherheitsdatenblatt?
Ein 16-teiliges Dokument mit Angaben zu Gefahren, Schutzmaßnahmen, Lagerung, Entsorgung und Erster Hilfe. Es ist für gefährliche Stoffe gesetzlich vorgeschrieben.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung.